Mode-Subkultur
Die Dissidenz der Unpolitischen

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Frieda von Wild - Berlin, Friedrichstraße, 1982

Folgt man dem Gerücht, dass jede Handlung, die begangen wird und jedes Wort, das gesprochen wird, politisch sei, so beträfe dies das Leben in der DDR in eingeschränkter und in besonderer Weise zugleich. Denn soll dieses Gerücht zur Gewissheit werden, muss man von der Mehrheit jener absehen, die nicht mehr handelten, da sie funktionierten, die nicht mehr sprachen, da sie schwiegen. Dieses entpolitisierte Volks-Kollektiv existierte in einem durchideologisierten Miniversum, in welchem die roten Fahnen immer gen Osten wehten. Ein großer Schläfer war dieses Kollektiv, welches die Funktionäre zu machtvollen Aufmärschen antreten ließen, es anschließend wieder in den schweren Traum von einer real existierenden Utopie versetzten, um es zu deren eindrucksvoller Demonstration erneut zu reanimieren.

Politisch waren jene, die sich in Wort und Tat gegen die staatlich verfügten Gezeiten von Koma und Wachkoma stemmten. Das galt nicht allein für eine Opposition, die Widerstand leistete, aber, aus einer gerechten Em­örung heraus, politisches Denken eher imitierte und somit aufopferungsvoll wirkungslos blieb. Politisch waren auch jene, welche die Brisanz ihres Handelns zunächst nicht erkannten. Das waren Jugendkulturen, die der Westen ungebeten exportierte. Der Westen aber war keine Himmelsrichtung mehr, er war der Funktionärs-Szene eine negative Utopie, ihrem Nutzvieh aber eine süße Verheißung ohne jede Utopie. Für die Jungen in einem früh gealterten Staat war er immer ein leichter Traum von Musik, Tanz und schönen Kleidern. Doch ein leichter Traum findet selten in einem schweren statt. Nicht in einem Land ohne Leichtsinn, denn ein Leichtsinn hätte die ewigen Ideale einer widerspruchsfreien Welt nur sterblich erscheinen lassen. Auch wenn diese Ideale längst ohne Leben waren. So wurden Jugendkulturen auf dem toten Ereignisfeld DDR zu Subkulturen. Die Beatgeneration feierte eine Unbeschwertheit, die zwar sich selbst genügte, aber jenen missfiel, denen man nie genügte. Die Freaks und Hippies waren eingezäunt und on the road wie in vier Wänden. Sie verloren ihr blumiges Selbstverständnis und mit ihm manchmal ihr langes Haar. Die Punks gewannen ihre verlorenen Schlachten, sie veranstalteten einen Tumult und tobten durch die kaputten Kulissen eines Staates, der hilflos und sehr gekränkt seine Paragraphen und sein Repressionsarsenal gegen die verlorenen Kinder in Stellung brachte. Die größte aller Repressionen aber bestand in der grassierenden Langeweile. In jeder der vier langen Dekaden ihres kurzen Daseins, die der Deutschen Demokratischen Republik beschieden waren, entwickelten sich generationseigene Abwehrreaktionen. Die ganz Anderen unter den vielen Anderen entdeckten ihre Liebe zur gemeinsamen Abweichung und ließen sich nicht steuern, wenn sie die Absicht spürten, man wolle sie lenken.

Suchte die reformgläubige Oppositionsbewegung in der DDR noch einen vermeintlichen Dialog, der doch nur ein Monolog der Mächtigen war, so gingen die Punks Anfang der achtziger Jahre in die direkte Konfrontation. Aber einmal geht auch die Magie von Aufstand und Endzeit verloren. Aus diesem Verlust entstand eine Gegenkultur, welche diesen Namen nicht verdiente. Sie nahm nicht mehr zur Kenntnis wogegen andere sich vor ihnen noch wandten und wehrten. Den Freieren unter den Unfreien war die DDR nur noch bedingt existent. Innerhalb der Republik waren sie republikflüchtig und in Grenzen frei. Frei von einer ständigen Bezüglichkeit auf eine Diktatur, die sie in ihre eigene Leere laufen ließen. Auf ein forderndes Ja des Staates häuften sie nicht länger ein reflexhaftes Nein des Untergrunds. Auf clevere Weise gaben sie sich naiv - village fools in der sozialistischen Gemeinde.

Ihre Kleidung bestand aus Kombinationen von ausgesuchter Abgetragenheit oder war von einem theatralischen Chic, der offensiv damit umging, nicht mehr als ein Zeitgeist-Imitat sein zu wollen. Freundeskreise mit subkultureller Kompetenz zelebrierten ein Design, welches keinem volkswirtschaftlichen oder ideologischen Nutzen entsprechen mochte. Dem demonstrativen Charakter allgegenwärtiger Parolen begegneten sie mit dem Charme natürlicher Gelassenheit bei gleichzeitiger Überdrehtheit ihrer Shows, während derer sie über die Laufstege der Republik hampelten. Später dann, als der Zenit dieser Modespektakel überschritten schien, wandelte sich in einer letzten, großen Anstrengung Subkultur in Hochkultur.

Das clowneske Element war erschöpft, die kultivierte Unbedarftheit wich den auf Wirkung abzielenden, aufwendigen Inszenierungen. Über das Pathos der Macht legte sich das Pathos der Romantik - in spektakulären Performances und in Fotografien, welche die verschlissene Wirklichkeit einblendeten und in ihre Tristesse Motive von überspannter Sinnlichkeit plazierten. Dies geschah in losgelösten Strukturen, jenseits der bestehenden ideologischen, wirtschaftlichen und ästhetischen Grenzkontrollen. Die Arbeitsverweigerung im Dienste der eigenen Sache entzog die Arbeitskraft den Mühlen der sozialistischen Produktion und war von einem abgehobenen Lebensstil nicht zu trennen. In den Unabhängigkeitsbestrebungen einer Gemeinschaft von Einzelgängern und Frohnaturen lag der konsequente Wille, unbestimmt von Bestimmern arbeiten, feiern, lieben und leben zu wollen. Auf brisante Weise unpolitisch bestand ihre Dissidenz in einer Charmeoffensive und ihre Verweigerung in einer befreiten Hingabe an sich selbst.

 

(Erschienen in „Die Addition der Differenzen” (Verbrecher Verlag 2009), dem Buch zur Ausstellung „poesie des untergrunds - Die Literaten- und Künstlerszene Ostberlins 1979-89”)

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