SCHATTEN VORAUS (PUNK, IM JAHR 12 NACH PUNK)



Am Morgen des 24.9.95 legte vom Spreeufer am Tegeler Weg die MS "Kreuz As" ab. An Bord ein Teil der Ostberliner Urpunkgemeinde, ein Kamerateam, dieselbe filmend, und nicht zuletzt die Besatzung, welche Bewegung garantieren und das Ehemaligentreffen vor dem Dahindümpeln bewahren sollte. Vielleicht deshalb verfielen die beiden Organisatorinnen auf einen Ausflugsdampfer als Austragungsort eines Wiedersehens nach zwölf Jahren. In erster Linie jedoch hatten sie die früheren Aktivisten in ihrer Eigenschaft als Filmemacherinnen zusammengetrommelt und der Dampfer gab nun die Kulisse ab für eine Dokumentation über jene Szene, deren Teil sie Anfang der 80-er Jahre selbst gewesen waren. Sie hatten einiges zur Unterhaltung der Ex-Punks aufgeboten, aber auch zu deren Beschäftigung mit der eigenen Vergangenheit. Neben einem Buffet, inklusive schwer umkämpfter Freicoupons für Schnaps und Bier, war für die Beschallung mit Punkschlagern durch einen DJ gesorgt, eine Ausstellung von Fotos der beschworenen Zeit gehängt und vorgeführt worden, was an Super 8-Schnipseln noch existierte. Darüber hinaus waren Gäste geladen, die zu der Vergangenheit der Versammelten in Beziehung standen. John Peel, durch „John Peels Music” auf BFBS eine wichtige Stimme jener Jahre, wurde von den Filmemacherinnen eingeladen und erschien, wenn auch nicht als DJ, so doch als Interviewpartner. Vielen in Erinnerung war "Lorenz", ein Kirchenmitarbeiter der Erlöserkirche in Rummelsburg, der sich durch das Ausmaß seines Engagements für Punks verdient gemacht hatte. Auch er kam. Ebenso ein (West-)Journalist, welcher Anfang 1983 einen kurzen Beitrag über die Punkszene Ostberlins für das ZDF gedreht hatte. Er berichtete von seinen Schwierigkeiten, die Sendung seines Beitrages in der "Kennzeichen D"-Redaktion durchzusetzen, da diese, in einer seltsamen Übereinstimmung mit der SED-Führung, das Bild vom linientreuen FDJler liebgewonnen hatte und daneben nichts sehen oder senden wollte. Ein Fragment dieses Beitrages wurde auf dem Dampfer gezeigt, wie auch Amateurfilmfetzen zum Thema. Sie wurden interessiert aufgenommen und feixend kommentiert. Manchem der Anwesenden sah man dagegen an, daß er es mit gemischten Gefühlen aufnahm, einen Teil der eigenen Geschichte derart ausschnitthaft, in aller Unschärfe, schwarz-weiß und tonlos vor sich abgespult zu sehen. Nach 12 oder mehr Jahren wirkten die Filme auf eine bedrückende Art leblos und auf eine dokumentenhafte Weise wie das, was sie zeigten, nämlich nur noch wie ein Stück Geschichte. Die beiden Filmemacherinnen hatten auf ein die Vorführung ergänzendes Gespräch der Altpunks untereinander und mit den Gästen gehofft. Dieses Gespräch kam nicht wirklich zustande. Zum einen waren, trotz fester Zusage, zwei Zeitzeugen nicht erschienen, welche die Säulen eines solchen Gesprächs hätten sein können. Lothar de Maiziére, Strafverteidiger in den Scheinprozessen des MfS gegen Punks, und Bernd Wagner, ein Diplom-Kriminalist, der in der DDR über Punks und Skinheads forschte, zogen es dann doch vor, sich mit den Ex-Punks nicht in ein Boot zu setzen. Zum anderen wurde nicht so recht klar, worauf es die Filmemacherinnen in ihrer Dokumentation "Störung Ost" abgesehen hatten. Ihre Fragen an die einstigen Punks wirkten ungenau und ungezielt. Erschwerend war sicherlich, daß diejenigen, die das Wort führten, sich oft als sprachlos erwiesen, was die Jahre betraf, die sie nach eigener Aussage prägten. Insofern fielen die Aufnahmen der auf dem Dampfer geführten Gespräche ähnlich dürftig und bruchstückhaft aus wie die gezeigten Filmfragmente. Aufschlußreicher sind die im Vorfeld des Treffens entstandenen Interviews mit einigen exemplarischen Vertretern der gewesenen Punkszene Ostberlins. Sie sind sicher nicht erschöpfend, doch manchmal wirken sie erhellend durch einen Kurzschluß mit den eigenen Erinnerungen, die man längst verschüttet glaubte. Dem Zuschauer ohne Kenntnis der Geschehnisse vermittelt er eine Ahnung von deren Dramatik. Jenem ständigen Wechsel von Verfolgung, dem durch die Verfolgung ausgelösten Rausch am Anderssein und der Trostlosigkeit, diesen Rausch durch die ständige Verfolgung nur selten unbeschwert ausgelebt zu haben. "Störung Ost" führt den Untertitel "Punks in Ostberlin 1981-83". Einer Chronologie dieser drei Jahre, welche der Untertitel anvisiert, entspricht der Film nur insoweit, als daß er die Entwicklung der Ostberliner Punkszene an der allmählichen Verschärfung in der Vorgehensweise der Staatssicherheit im Umgang mit den von ihr Beargwöhnten festmacht. Dies ist das den Film bestimmende Thema, aus ihm bezieht er seine beklemmensten Momente. Etwa wenn die heute Anfang bis Mitte 30-jährigen berichten, in welcher Weise sie als 16/17jährige in Situationen gerieten, deren Brisanz sie völlig überforderte. Drangsaliert und gedemütigt von einem Staat, der in dem selben Maße, in dem er seine Kinder überbehütete, diese Kinder und Jugendlichen bei Abweichung von den Lebensvorgaben terrorisierte. Es war ja nicht so, daß jemand in der DDR mit 16 Jahren Punk wurde, weil er politisch dachte, er wurde vielmehr politisiert, indem er als Punk vom Staat kriminalisiert wurde. Und viele der so Kriminalisierten widmeten ihr Punksein im nachhinein um in einen bewußten politischen Akt. In "Störung Ost" ist der Song einer DDR-Punkband zu hören, der diesen Terror, in seinem sehr simplen, doch für DDR-Verhältnisse überdeutlichen, um nicht zu sagen selbstmörderischen Refrain auf den Punkt brachte. "DDR - Terrorstaat, wir haben deine Scheiße satt!" Anfang der Achtziger sprang mich dieser Song an. Ich weiß nicht mehr, ob als Tape oder ob auf einem Konzert, ich weiß nur noch, daß ich dachte; die Bandmitglieder sind tote Leute, die bringen sie um und wir können uns alle warm anziehen.
Als Auslöser solcher und ähnlich liebgewonnener Erinnerungen ist der Film sicher ein guter Film. Allerdings stellt seine beinahe ausschließliche Fixierung auf die Verfolgung der Punks durch das MfS auch seine thematische Einfalt dar. Er konzentriert sich auf den allgemeinen Freiheitsentzug, ohne näher darauf einzugehen, daß es in der DDR eine Ungeheuerlichkeit ersten Ranges darstellte, sich die Freiheit überhaupt erst einmal zu nehmen. Zum Beispiel durch ein irritierendes Äußeres und offensives Gebaren, das äußerst befremdend wirken mußte in einem Land defensiver Lebensweisen, welches isoliert nichts Fremdes kannte. Das war ja auch Teil des Spaßes. Dieser klingt in dem Film vielleicht an, der bizarren Seite des Punk und den Seltsamkeiten der Szene wird er nicht wirklich gerecht. Er stellt den Versuch der Emanzipation vom Staatskollektiv nur in Abhängigkeit von dem Versuch seiner Verhinderung durch das MfS dar. Die Art und Weise der Verhinderungsbemühungen wird nur aus dem Zusammenhang heraus angerissen. 1983 war die Szene der ersten Generation Ostberliner Punks (und ich denke auch die der sehr aktiven Szene Leipzigs) praktisch nicht mehr existent. Viele der Punks verschwanden mit 18 Jahren in den Kasernen der NVA oder im Knast. Den Rest besorgte 1984 ein allgemeiner Exodus, ausgelöst durch die erste und größte Ausreisewelle in der Geschichte der DDR. Nicht wenige nutzten die Gunst der Stunde, verschwanden gen Westen und wurden auch sehr gezielt aus der DDR-Staatsbürgerschaft entlassen. Anekdotenhaft und mit einer sehr schlichten Sicht auf den Gegenstand seines Interesses, nimmt der Film diese Entwicklung nicht wahr. Zu dem Druck von außen, durch die Konfrontation mit der Staatssicherheit und einer feindseligen Haltung der DDR-Bevölkerung, kam der Druck von innen, aus der Szene selbst. Auch diesen blendet "Störung Ost" weitgehend aus. 1980/81 waren zunächst nur sehr vereinzelt Punks in Ostberlin zu sehen. Lief man sich über den Weg, wurde man schnell miteinander bekannt, jedenfalls für die nächsten drei Jahre, nicht selten auch darüber hinaus. Bald hatte sich eine mehr oder weniger feste Szene formiert, die eher einem losen Interessenverband entsprach. Die anfängliche Punkgemeinde war alles andere als homogen. Die Vorstellungen von dem, was Punk sei, drifteten weit auseinander, waren voller kurioser Mißverständnisse und weniger festgelegt als dies später der Fall sein sollte. So zierten zum Beispiel nicht nur die Namen der Sex Pistols oder Damned die Jacken einiger Punks, sondern auch Kiss, AC-DC oder David Bowie. Auf jeden Fall war die Zeit um 1981 eine Phase des Experiments. (Auch was die Schreibweise vieler Bands betraf. Oft entsprach sie eher einer Lautmalerei, da man die Namen der Bands nur aus dem Radio, nicht aber vom Plattencover kannte.) Die ersten Treffs bildeten sich heraus. Einer der wichtigsten war der "Kult"(-urpark) im Plänterwald. Ein schäbiger Rummelplatz, gut gewählt, wenn man bedenkt, welchen Rummel die Punks dort selbst und welchen Zirkus die Stasi um die Punks veranstaltete. 1981/82 entstanden eine ganze Reihe von Punkbands, nicht nur in Berlin. Sie entstanden lange vor den Bands, die heute auf DDR-Punksamplern die erste Generation von Ostpunkbands repräsentieren. Bands wie Tapetenwechsel, Unerwünscht, Bandsalat, Wutanfall, Restbestand, Betonromantik, Namenlos, Planlos, Skunks usw. tauchen auf diesen Samplern nicht auf. Die Proberäume einiger dieser Bands entwickelten sich zu wichtigen Treffpunkten, im unbeholfenen Sprachgebrauch Erich Mielkes "Höhlen", die es zu observieren galt. Erste konspirative Konzerte wurden organisiert. Nach außen war die Freiheit begrenzt, innerhalb der Szene war fast alles möglich.
Das sollte sich ändern. Später reglementierten die Punks sich selbst und unterwarfen sich allen möglichen Zwängen. Es bildeten sich Fraktionen und, fraktionsübergreifend, Eliten heraus. Punk wurde ideologisiert und von einigen zur reinen Lehre erklärt und einige hatten diese Lehre mit Löffeln gefressen. Das alte Spiel, am Ende gab es nicht mehr nur Punks, sondern Punks und Überpunks. Letztere vermittelten den ersteren, daß sie das Zentrum der Bewegung wären, daß alle Aktivitäten, die ohne sie stattfänden, eigentlich nicht stattgefunden hätten. Die Folge war, daß sich die so entstandenen Szeneränder nicht mehr nur mit Ketten und Sicherheitsnadeln schmückten, sondern auch, um ihre Unternehmungen geschehen zu machen, mit der Anwesenheit von Leuten, die man heute Very Important Persons nennen würde. Inzwischen war man jedoch durch das repressive Vorgehen der sog. Staatsorgane für die Hackordnung der Gesellschaft sensibilisiert, von welcher man sich eigentlich absetzen wollte. Nun hatte man es auf einmal mit einem Hierarchienkult innerhalb der Punkgemeinde zu tun. Die Sache verlor an Magie. Eine Uniformierung und Monokultur setzte ein. Die Akzeptanz untereinander schwand und mit ihr verschwand das grelle Element aus der Szene. Ein informelles Markenbewußtsein entwickelte sich, die unvermeidlichen Springerstiefel, Natohosen und nietenbestückten Lederjacken sorgten dafür, daß vom Punkrocker nur der Rocker blieb. Vom martialischen Äußeren als Punk war es dann für viele nicht mehr weit zum militanten Auftreten als Skin.
1983 sah man zunächst nur vereinzelt Skins unter den Punks. Die Punkszene hatte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel Neues zu bieten. Daher war die im Entstehen begriffene Skinheadszene für viele Punks von einiger Anziehungskraft. Wie in anderen Ländern auch, rekrutierte die Skinheadszene in der DDR ihre Anhänger aus der bestehenden Punkszene. Doch anders als in England, wo die Skinheadbewegung in den 80-er Jahren auch eine Renaissance der 60-er Jahre darstellte, bestand in DDR-Skinheadkreisen keinerlei Bewußtsein um die Tradition des "Spirit of 69" der englischen Rudeboys. Die Ostskins orientierten sich am Oi- bzw. Streetpunk und darüber hinaus, fatalerweise, an der "White Power"-Bewegung.
Als Anfang der 90-er Jahre, nach dem Zusammenbruch der DDR, die Fascho-Skinszene, auch in den Kleinstädten, einen ungeheuren Zulauf erhielt, reichte deren Tradition in der DDR gerade mal bis 1983 zurück und war eindeutig rechtsradikal. Niemand dieser Nachwende-Skins hatte eine Vorstellung davon, daß das Skinheadtum seine Wurzeln keinesfalls im Rassismus hatte. Diejenigen, die zu DDR-Zeiten als Skinheads aktiv waren, waren in einem Maße unaufgeklärt, daß sie ihrer Zuordnung als "Ostskins" gerecht wurden, wenn man die Präposition "Osten" nicht allein geographisch, sondern mit einem bestimmten Grad an Ahnungslosigkeit übersetzt. Jedenfalls ging ein tiefer Riß durch die Punkszene der frühen Achtziger. Es kam zu Massenschlägereien vor dem HdjT (passenderweise = "Haus der jungen Talente"), einem Treffpunkt vieler Punks. Diese Auseinandersetzungen gipfelten im Herbst 1987 in den Überfall von Skins auf ein gemeinsames Konzert der DDR-Punkband Firma und der Westberliner Band Element of Crime in der Zionskirche. Dort standen sich noch einmal alte Freunde und Bekannte unversöhnlich gegenüber. Ein Großaufgebot an Polizei und Staatssicherheit schaute zu, ohne einzugreifen. Der Überfall auf die Zionskirche stellte dennoch einen Wendepunkt in der Strategie des MfS gegenüber den Skinheads dar. Er fand ein Presseecho über DDR-Grenzen hinaus und wurde dann auch im "Neuen Deutschland" durch einige dürre Sätze kommentiert. Einige der beteiligten Skins wurden zu Haftstrafen auf Bewährung verurteilt. Doch angesichts der teilweise schweren Verletzungen ihrer Opfer und des nicht zu vertuschenden rechtsradikalen Hintergrunds des Überfalls ging ein Aufschrei der Empörung durch die DDR-Gesellschaft, welcher sogar in Form von Leserbriefen im "ND" seinen Niederschlag fand. Die Urteile wurden kassiert und die betreffenden Skinheads zu höheren Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. In der DDR ein bis dahin einmaliger Vorgang, der die Skinszene erst einmal verunsicherte. Auf sie wurde von nun an Druck durch die Staatssicherheit ausgeübt. Bisher hatte das MfS die Skins mehr oder weniger in der offensichtlichen Absicht geduldet, auf diese Weise die ihrer Meinung nach auffälligere Punkszene zu befrieden. Die Skinheads waren der Staatsmacht wohl weniger suspekt, da Militanz ihrem Verständnis näher lag. Doch über ihre Duldung hatte sie das radikale Potential und die Aggressivität dieser Gruppierung unterschätzt. Andererseits ging die Rechnung der Staatssicherheit auch auf. Die Spaltung in Punks und Skinheads sowie die ständigen Auseinandersetzungen zwischen beiden Lagern trugen, neben den bereits genannten Gründen, zur schleichenden Auflösung der Urpunkszene Ostberlins bei. Kein Wort davon im Film "Störung Ost". Dabei ist sein Titel glücklich gewählt. Punk, und renitente Jugendkulturen überhaupt, mußte in einer Diktatur eine ganz andere Wirkung entwickeln als in einem Staat, der sich demokratisch versteht und geistig wie ökonomisch situiert in der Lage ist, derartige Angriffe auf sein Selbstverständnis zu absorbieren. Die DDR war ein Staat von statischer Schläue, ein Haus, eine Ruine, die zwar noch stand, aber aus statischen Gesichtspunkten nicht mehr hätte stehen dürfen. Nicht daß die Punks dieses Haus zum Einsturz brachten, doch sie störten sein labiles Gleichgewicht und hatten Anteil an einer nervösen Balance der DDR, die 1989 nicht mehr zu halten war. Doch ebenso wie Punk in der DDR-Gesellschaft einschlug und explodierte, mußte die Szene im Osten auch implodieren. In der DDR drohte man an sich selbst und einer allgemeinen Beengtheit der Verhältnisse zu ersticken. Es brodelte, doch auf allem blieb der Deckel drauf. Dieser Staat hatte etwas Kleinstädtisches, man fühlte sich, mitten in Europa, wie im toten Winkel der Welt. Daran konnte selbst in Ostberlin die unmittelbare Nähe zum Westteil der Stadt nichts ändern. In diesem Winkel fehlte es nicht nur an Devisen, er war auch arm an Möglichkeiten und Perspektiven. Die DDR war nur in einer Hinsicht ein reiches Land - es herrschte ein Überfluß an Mangel. So sehr auch die Punks bemüht waren, "echte Punks" und keine "Ostpunks" zu sein, was die gesellschaftlichen Mangelerscheinungen anging, waren sie immer Teil jener gelähmten Gemeinschaft gewesen, der sie gekündigt hatten. Die wenigen vorhandenen Filmaufnahmen beeindrucken vor allem dadurch, daß sie, für frühe Aufnahmen von Punks, so unspektakulär sind. Sie zeigen die Ereignislosigkeit und die daraus resultierende Trostlosigkeit jener Tage, in denen das Warten auf die Party nicht selten die Party war. In "Störung Ost" ist davon häufiger die Rede. Oft genug trat man umsonst vor einem der "Jugendklubs" an, wurde man doch mal reingelassen, wartete man stundenlang in der Hoffnung, daß ein Punksong gespielt würde, der Pogo-tauglich war. Und oft genug bekam man dann Punkrockersatz, vorzugsweise Plastic Bertrand, zu hören. In ihrer Verzweiflung tobten sich die Punks dann irgendwann auch zu Diskoklängen oder auch mal zu Dixieland aus. Die Konzerte von DDR-Punkbands stellten seltene Höhepunkte dar. Sie fanden fast ausschließlich in Kirchen statt, manchmal auch auf einem Dachboden oder in dem Atelier eines Malers. Häufig wurden sie von der Stasi verhindert. Überhaupt war die Stasi ein großer Verhinderer. Um Gleichgesinnte zu sehen und zu treffen mußte man sich im öffentlichen Raum bewegen. Allerdings war dieser von Polizei und Staatssicherheit besetzt, Kameras und Zivilstreifen bewegten sich also mit. Und, wenn es nötig erschien, wurde der öffentliche Raum auch auf die Wohnungen mißliebiger Personenkreise ausgedehnt. So kam die kuriose Konstellation von Punk und Kirche zustande. Die Kirche bot den Punks eine Art exterritoriales Gebiet. Diese Allianz hatte ihren Preis, bot aber auch die seltsamsten Bilder. Vor den Konzerten mußten die versammelten Punks immer mal eine Andacht über sich ergehen lassen, erst dann hieß es - Punk frei! Mir unvergeßlich ist, wie 1983, ausgerechnet am Heiligabend, die Avantgardepunkband Klick & Aus vor dem Altar der Elias-Kirche spielte und vor den hampelnden Punks und der entgeisterten Eliasgemeinde von der "Frühgeburt Christi" sang. Zwischen den dünn gesäten Konzerten war man immer wie auf Entzug. Dieser Zustand wurde verschärft durch die mangelnde Versorgung mit Punkplatten. Daß diese nur über Kontakte im Westen, nicht aber in der DDR über den sog. staatlichen Handel zu haben waren, verstand sich von selbst. Punkrock wurde in dem DDR-üblichen Pressebrei unter "Primitivrock" geführt. Wohl in der naiven Annahme, ihn so herabsetzen zu können, was schlecht möglich war, denn die Bezeichnung "Punk" sprach ja eine klare Sprache. Mich hat die Kombination von primitiv und Rock zusätzlich elektrisiert. Sie verlieh Punk einen völkerkundlichen Aspekt. Ich interessierte mich damals, auf eine sicher sehr unschuldige Weise, für Ethnologie, insbesondere für nordamerikanische Indianerkulturen. Ganz zu Anfang bedeutete Punk für mich auch die Möglichkeit, als Indianer durch Berlin laufen zu können.
Primitivrock war in der DDR also rar, und wenn eine von den wenigen Lp's, die kursierten, zu haben war, so kostete sie, im Widerspruch zu ihrem meistens erbärmlichen Zustand, viel Geld. Für die speziell Betroffenen erinnere ich nur an das traurige Beispiel jener Eater-Lp, die ungezählte Male den Besitzer gewechselt hatte und am Ende ebenso unhörbar wie unbezahlbar war. "John Peels Music" auf BFBS blieb insofern eine der wichtigsten Quellen, und kaum ein Punk oder überhaupt Independent-Interessierter, der nicht einmal die Woche am Radio wie an einem Tropf hing. Daher muß es für viele der auf dem Dampfer Versammelten ein denkwürdiger Moment gewesen sein, als ihnen die Stimme John Peels, in Gestalt einer kleinen, etwas rundlichen Gestalt, auf dem Deck der "Kreuz As" erschien. Aber dies war auch einer der wenigen Trümpfe der Fahrt.
Ansonsten war es wie 83 auch, viel Unsinn gepaart mit Langeweile, dazwischen war es ganz lustig. In diesem Sinne war die Klassenfahrt durchaus gelungen. Nach der ersten Wiedersehensfreude wurden die Namen der Abwesenden gezählt. Manche hatten einfach kein Interesse zu erscheinen oder nicht genug Interesse, um nicht zu verschlafen. Andere blieben aufgrund ihrer Stasiverstrickungen fern. Wieder andere waren schlicht und ergreifend tot. Einige waren zwar anwesend, doch ganz die Alten geblieben bzw. noch hinter dem zurückgeblieben, was sie einst waren. Binnen einer Stunde nach Fahrtbeginn waren sie so sturzbetrunken, daß auch ihre Anwesenheit nicht weiter zählte. So schnell wie die einen sich betranken, so schnell reformierten sich auch die alten Konstellationen. Die Ex- und Noch-Punks saßen in einem großen Halbkreis an Deck. Das Zentrum besetzten auch 95 die Chefs vom Ganzen. Nachdem der Reiz des Wiedersehens verflogen und das Buffet geplündert oder auf den Decks vorbeiziehender Motorboote verteilt war, machte sich wieder dieselbe Ereignislosigkeit breit, wie sie die Szene gegen Ende ihrer Zeit prägte. Der eine oder andere verließ bei einem der Zwischenstops den Kahn vorzeitig. Sie merkten, daß Bewegung allein in der Schiffsschraube war und wähnten sich wohl fehl am Platze und somit im falschen Film. Einer der Ehemaligen hatte anscheinend mehr erwartet. Er hinterließ einen verzweifelten Eindruck. Zunächst tanzte er in dem 1,90m niedrigen Unterdeck Pogo. Dann schlug er mit seiner schweren Lederjacke um sich. Anschließend brach er heulend zusammen.
Heute stellt sich mir der Zeitraum zwischen 1981-83, bei aller Bewegtheit, ähnlich einem Transitraum dar. Im nachhinein fällt auf, wie viele derer, die durch die anfängliche Punkszene geisterten, später Maler, Musiker, Schreiber, Schauspieler, Regisseure, DJ's usw. wurden. Sie, aber auch viele andere, mußten da durch, wenn sie anderswo hinwollten. Für damalige Verhältnisse war Punk eine wirksame Möglichkeit, dem eigenen Ausdruckszwang nachzugeben und sich seiner zu vergewissern, ehe er später hinter der Kamera, auf der Bühne, der Leinwand oder auch als Koch an den Töpfen in der Küche eines Restaurants konkretere Formen annahm. Ob später Künstler oder nicht, Punk war ein Intensivkurs. Es gab Gründe genug, weshalb er irgendwann nicht mehr intensiv genug war.

("Störung Ost - Punks in Ostberlin 1981-83": 1996 für die Reihe: "Das kleine Fernsehspiel" im ZDF - Regie: Mechthild Katzorke und Cornelia Schneider, beide Anfang der achtziger Jahre unter "Mecki & Schneidi" als zwei Punks in einem bekannt.)

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