The Beat Goes On
† Kalendarium toter Musiker †


Fad Gadget (Frank Tovey) Ian Dury (& the Blockheads)
Ian Curtis (Joy Division) John Balance (Coil)




Frank Tovey schuf Fad Gadget aus dem Geist einer Zeit, in der Ost und West in einem atomaren Untergangsszenario miteinander zu verschmelzen gedachten. Gadget war Toveys Medium. Es lieferte kuriose Botschaften zu den Ungereimtheiten des menschlichen Seins und machte Durchsagen zur Endzeit - sarkastisch, sinister, synthetisch. Wo diese kein melodramatisches Raunen waren, konnten sie durchaus in Gesang umschlagen. Begleitet von den Klängen eines verwaisten Rummels, der den Gastbetrieb nicht einstellte und nachts ein mechanisches Theater aufführte, das blinkte, klingelte, rotierte und sich in der steten Widerholung eines Tuschs in Moll erging. Im Orchestergraben seines privaten Frontabschnitts versammelte Gadget ein Genre-fernes Instrumentarium und erzeugte Lärm, welchen er in Songs von samtener Kälte überführte. Daniel Miller mochte das und veröffentlichte ihn als ersten Act auf Mute. Auf der Bühne war Gadget verhaltensauffällig. In performativen Anwandlungen, gepaart mit autoaggressiven Zwangshandlungen, schmierte er sich mit Rasierschaum ein, um sich anschließend zu federn, mittels Mikrokabel zu strangulieren und sich das Achsel-, aber vorzugsweise Schamhaar auszureißen. Beim Sprung ins Auditorium, brach sich Gadget schonmal beide Beine, was auch Tovey geschmerzt haben dürfte. Schmerzlich für die Eleven seines Sounds war, daß der Meister sein Alter Ego zurück in die Flasche befahl. Zurückumbenannt zelebrierte er die Abkehr vom Experiment, hin zu einem Folkrock, der nicht zünden wollte, dafür schwer auf den Zünder ging. Fad Gadget war ein Rarer unter den Wenigen, Frank Tovey war einer von vielen. Fünfzehn Jahre vergingen und er trat erneut als Fad Gadget an. Er tourte als Support seiner einstigen Vorband Depeche Mode, ein Kreislauf zur späten Anerkennung als Wegbereiter elektronischer Musik. Dann ein anderer Kreislauf bzw. sein Versagen - Herzstillstand und die Diagnose: Comeback. Fad Gadget wird eine zeitlang zeitlos bleiben. Frank Tovey mußte vor der Zeit gehen.

(für The Beat Goes On 2010, Edition Observatör, www.tbgo.de)

 

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Stirbt einer, der unsterblich ist, so heißt es, er würde leben. Ein Buchstabe trennt R.I.P. von V.I.P., trennt beerdigt von nicht geerdet. Die Punkte am Ende der Initialien machen einen Punkt hinter das Leben und einen hinter den Ruhm, Opfer seiner Vergänglichkeit oder Pforte zur selben. 2007 spielte Siouxsie Sioux in Berlin, die erste unter den Banshees. An Halloween. Vereinzelt marodierten Altpunks, denen punk is dead (P.I.D.) in den Blick geschrieben stand, durch die Heerschar der Fans. Die Gothik-Gemeinde hatte zum Sammeln geblasen. Sie leuchtete im Dunkeln und harrte aus in der Erwartung der Todesfee - sie möge ihre Herzen stehlen und ihre Seelen einsammeln. Bis der DJ für den Auftritt abtrat beschallte er die Goth- und Death Rocker mit einem Soundtrack zum Untergang, der totgeliebte Songs sehr laut in Reihe schaltete. Einer klang anders. Frei nach Shakespeare stellte er sich unter dem Gespieltem dar als weiße Taube in der Krähenschar. Zwischen Schmachtfetzen und Beschwörungsformeln hob ein sonores Brummen an, ein Starkstromkabel summte selbstvergessen immer dieselbe Leier. Dann setzte ein kristallines Schlagzeug ein, äußerst repetativ, die ganze Rhythmusgruppe hospitalisierte. Eine Gitarre spielte mit (sie war aus dem Holz der Trauerweide) und ganz weit hinten weinte eine Orgel ins eigene Rückenmark. Ein Song wie Schwarzlicht, in welchem das Ektoplasma einer Stimme leuchtete, die sich, auf nüchterne Weise untröstlich, einen Text auf ihren Abgesang machte. Was später live über die Bühne ging trat hinter den Eindruck zurück, den dieses eine tiefergelegte Stück aus dem Player hinterließ. Es stahl der Show die Schau. Siouxsie exaltierte über die Bühne, Herzen schlugen, Seelen brannten - doch das Konzert blieb überschrieben von Joy Divisions »Heart & Soul«. Über der Nacht und ihren Kindern, all den Schein- und Modetoten, hing der Gesang eines jungen Mannes. Er wollte am 18. Mai 1980 sterben, doch er hatte nicht die Wahl: Ian Curtis lebt!

(für The Beat Goes On 2010, Edition Observatör, www.tbgo.de)

 

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Ian Dury (spasticus autisticus): humanoide Art des musikbeflissenen Wolpertingers. Seine Gattungsbezeichnung leitet sich aus dem Mischwesen eines zweibeinigen Blutpudels ab, dessen linker Menschenhuf einen Pferdefuß hatte. Frei nach Schnauze wies der Dury zudem den losen Schnabel einer Lachmöwe auf, die ihren inneren Streithahn herauskrähte - ein verbaler Rammbock, der noch das Cockney radebrach, ein pöbelnder Tanzbär, welcher auf Leitwolf machte und sich naturgemäß nicht auf Menschenführung verstand. Ungeachtet seines exzentrischen Sozialverhaltens war der Dury Ranghöchster der Pubrockband Killburn and the High Roads, bevor er die Blockheads um sich scharte. Deren Vorkommen beschränkte sich Mitte der 70er des 20. Jh. auf die Pubs & Clubs Londons. Nachdem des Durys Bänkelsang auf Stiff Records zu hören war, wurden die Blockheads vermehrt auf den Bühnen des Kontinents gesichtet, ab 1984 traten sie nur noch vereinzelt auf. In den USA fand der Gesang des Dury keine Verbreitung, trotz eines ausgedehnten Streifzugs, diesmal als rangniedere Rampensau des singenden Alphaschweins Lou Reed. In seiner natürlichen Umgebung England dagegen konnte er eine Saat legen, aus der andere eine Brut züchteten. Der Vergleich zwischen dem Keiler Dury und dem Frischling Rotten hinkt insofern gültig, denn die schiefe Haltung des Dury, Folge eines Polio-Befalls, wurde von Johnny Rotten perfektioniert und in ihrem Schwarmverhalten von einer Spezies imitiert, welche als Punks in die Fauna des Pop einging. Andererseits musizierte der Dury an den Einfaltspinseln von Iros vorbei und wilderte, kraft solcher Hits wie »Sex & Drugs & Rock'n'Roll« oder »Hit me with your rhythm stick«, in den Revieren von Vaudeville, Jazz, Disco, Reggae und Funk. Diese Aneignungsstrategie stand Punk erst mit dem Abebben seiner höchsten Populationsdichte zu Gebote. Der Dury ist mithin als Protopunk belegt, jedoch auch als Postpunk, daher in puncto Punk nicht nur als Protopunk, sondern zugleich als Postpunk vor Punk.

(für The Beat Goes On 2011, Edition Observatör, www.tbgo.de)

 

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1984, während einer anhaltenden Sound-Finsternis, hob Geoffrey Laurence Rushton aka John, Jhon oder Jhonn Balance eine Loge aus dem zerbrochenen Taufbecken seiner Privatmythologie. Die Loge war ein Projekt, es nannte sich COIL. Balance und seine langjährige Liebe, sein Vertrauter auf Lebenszeit und Coil-Aktivist Peter ”Sleazy“ Christopherson waren zwei der Altvorderen von Throbbing Gristle und Psychic TV sowie deren quasi-institutionellen Religionsgemeinschaft Temple Ov Psychic Youth. Diese Szene war zwar Postpunk, doch Präindustrial. Coil konspirierten mit Noise-, Industrial-, und Neofolkbands wie Foetus, Nurse With Wound und Current 93. Marc Almond von Soft Cell, Gavin Friday von den irischen Virgin Prunes, Boyd Rice als NON und andere mehr waren Teil eines dunklen Libellenschwarms, der sich auf Coil-Tracks niederließ. Der Einfluß ihrer Hervorbringungen auf Künstler von Derek Jarman bis Marilyn Manson war im schönsten Sinne verheerend. Im eigentlichen Sinne verheerend war der Einfluß von Alkohol auf Balance, der ein Kind von Traurigkeit war. Doch die Musik von Coil war keine Schwarzpause eines klinischen Befunds. Ihr Referenzsystem war ein okkultes. Zunächst aber verfügten Balance und Christopherson über eine spirituelle Konsequenz, die fernab einer okkultistischen Attitüde offen war für vielerlei Ideen, Wege, Techniken, Ticks - und für die Liebe. ”Love is the law.“, als kritische Bewunderer Aleister Crowleys gehörte ihre Liebe den Wesen und den Dingen bzw. ihren Geistern. Coil beschworen die Geister von Bäumen, Tischen, Tieren oder Pyjamas. Balance war ein Freigeist, der seinen Schöngeist im Alter von nur 42 Jahren aushauchte. »How To Destroy Angels«, auf den Titel der ersten Coil-Veröffentlichung gab Balance durch die Art seines Endes eine todtraurige Antwort - im November 2004, am 13., stürzte er, ein trunkener, ein gefallener Engel, aus einiger Höhe eine Treppe in seinem Haus hinab. Man darf annehmen, daß sie 13 Stufen zählte. John Balance: out of balance.

(für The Beat Goes On 2011, Edition Observatör, www.tbgo.de)


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Besucher: 31336 umsetzung © karsten richter